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Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Oberfranken
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Bildung anders Nr. 26

am 23. Nov. 2019 in Erlangen:

 

Was war denn da in Bayern los?

Revolution, Räterepubliken und Freikorps-Terror

 

Start mit dem Film ES GEHT DURCH DIE WELT EIN     
                                                                     GEFLÜSTER

ZeitzeugInnen der Revolution und Räterepublik
kommen zu Wort im Film von Ulrike Bez

 

In der Nacht zum 8. November 1918 ruft Kurt Eisner den Freistaat Baiern aus und wird  erster Ministerpräsident:  In der Folge kämpfen revolutionäre und reaktionäre Kräfte ein halbes Jahr lang um die Macht.

Der Dokumentarfilm „Es geht durch die Welt ein Geflüster“ (Buch und Regie: Ulrike Bez) entstand 1988 (Neufassung 2018) und verwebt zeitgeschichtliche Filmdokumente und Interviews. Zu Wort kommen die damals bereits hochbetagten ZeitzeugInnen: KommunistInnen, SozialistInnen, AnarchistInnen wie Centa Herker, Hugo Jakuch, Peter Lichtinger und Sophie Radischnigg.                  www.esgehtdurchdiewelteingefluester.de    

 

 

Schorsch Wiesmaier: Was haben die Revolutionär*innen 1918/19 erreicht? Und was wurde ihnen angedichtet?
 

1

Die Revolution 1918 war kein Werk landfremder „Sozialisten und Juden“ oder eines „entwurzelten Mobs“ wie es über lange Zeit von führenden bayerischen Historikern denunziatorisch behauptet wurde. Sie wurde in ihrem Kern getragen und durchgeführt von Arbeiterinnen und Arbeitern und deren Organisationen.

 

2

Und sie beschränkte sich auch nicht auf München, ausgehend von „Schwabinger Literaten“, sondern ergriff mehr oder weniger weite Teile Bayerns. In 7000 von 7400 bayerischen Gemeinden gab es Räte, so Günter Baumgartner in seinem akribisch recherchierten Buch „Die bayerische Revolution 1918/19 in Stadt&Land“.

 

3

Nicht nur die katastrophalen Folgen des Ersten Weltkrieges

führten zu revolutionären Zuständen und zum Sturz der Wittelsbacher. Auch die Vorkriegszeit war nicht die „gute, alte Zeit“ wie sie zum Beispiel in der Fernsehserie „Königlich Bayerisches Amtsgericht“ glorifiziert wurde.

 

4

Die Revolution am 7. November 1918 war eine der friedlichsten der Weltgeschichte. Kurt Eisner proklamierte in seinem Aufruf an die Bevölkerung am 8.November 1918: „In dieser Zeit des sinnlos wilden Mordens verabscheuen wir alles Blutvergießen. Jedes Menschenleben soll heilig sein!“ Seine Ermordung im Februar 1919 durch den Grafen Arco von Valley bedeutete eine Zäsur.

 

5

Bereits unter der kurzen Regierung Eisner geschahen fundamentale Reformen. Heinrich Mann urteilte darüber so: „Die hundert Tage der Regierung Eisners haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Bewegung der Geister gebracht, als die fünfzig Jahre vorher“.

 

6

Was wurde erreicht? Einige Beispiele:

allgemein

  • Beseitigung der Monarchie

  • Wahlrecht für Frauen

  • Einführung des Achtstundentages

die Schulen betreffend

  • Beseitigung der kirchlichen Schulaufsicht

  • Prügelstrafe an Schulen wurde verboten

  • Zölibat für Lehrerinnen wurde aufgehoben

7

Die wenigen Gewalttaten auf Seiten der Revolutionäre wurden maßlos übertrieben dargestellt, zum Beispiel der „Geiselmord“, der kein Geiselmord war, an - überwiegend - Mitgliedern der Thule-Gesellschaft.

Das grausame Wüten und die Massaker der Weißen Garden wurden verharmlost, wenn nicht ganz verleugnet.

Während die Verteidigerinnen und Verteidiger der Revolution drastisch bestraft wurden, auch mit dem Tode, kamen die „Kämpfer“ der Weißen Garden mit Freisprüchen oder allenfalls milden Urteilen davon.

 

8

Von den zu Tode gekommenen etwa 650 Opfern der Kämpfe. die quellenmäßig belegt sind, waren 233 Soldaten der Roten Armee und
335 Zivilpersonen. Von den Regierungssoldaten/ Freikorpsangehörigen kamen 38 ums Leben.

Die Dunkelziffer weiterer Todesopfer liegt hoch, es werden bis zu 400 weitere Tote geschätzt, die wesentlich den Erschießungskommandos der Freikorps zum Opfer gefallen sein dürften.

 

9

Gewalttätig und grausam waren überwiegend die Gegenrevolutionäre. Dennoch werden die vereinzelten Gewalttaten der Revolutionäre im April 1919 - bisweilen bis heute - als verständliche und nachvollziehbare Ursache für das Entstehen der „Ordnungszelle Bayern“ und den Aufstieg der NSDAP angeführt.

 

10

München erlebte im November 1918 einen weitgehend friedlichen und gewaltlosen, vom Verlangen nach mehr Demokratie getragenen Umsturz ... Im Kontrast dazu erlebte dieselbe Stadt Anfang Mai 1919 einen kurzen und blutigen Vorgeschmack auf die ‚totale Gewallt’ des 20. Jahrhunderts“. (aus dem Buch „Am Anfang war Gewalt“ von Mark Jones)

 

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Fritz Reheis: Nov. 1918 bis April 1919 –
ein kleines Zeitfenster für große Veränderungen?

 
1. Mit der deutschen Reichsgründung von 1871 wird auch Deutschland als ökonomischer Nachzügler zu einem wichtigen Faktor in der europäischen Politik.
 
2. Zwischen 1871 und 1914 überholt Deutschland England wirtschaftlich, beansprucht ein eigenes Kolonialreich und eine Kriegsflotte, die es mit der englischen aufnehmen kann.
 
3. Der von Deutschland entfesselte und verlorene 1. Weltkrieg beendet die deutschen Großmachtträume zunächst und lässt in der sozialistischen Arbeiterbewegung die Hoffnung auf eine Überwindung von Kapitalismus und Nationalismus aufkommen.
 
4. Zwar zeigen sich seit den 1880er Jahren zunehmend unterschiedliche Vorstellungen über den Weg zum Sozialismus (Abwarten der Revolution versus Arbeit an systemüberwindenden Reformen), aber in Bezug auf den proletarischen Internationalismus herrscht nach wie vor Einigkeit.  
 
5. Obwohl die deutsche Arbeiterbewegung jahrelang vor Militarismus und Krieg gewarnt hatte („diesem System keinen Mann und keinen Groschen“), folgt sie ab Sommer 1914 der Ideologie vom Verteidigungskrieg, betont vor allem die Gefahr des „russischen Despotismus“ und unterstützt diesen Angriffskrieg fast geschlossen (Burgfrieden, Kriegskredite).
 
6. Unter dem Eindruck der Opfer und des Verlaufs des Krieges nimmt ab 1916 in der Arbeiterbewegung der Widerstand immer mehr zu und führt zur Gründung der „Gruppe Internationale“ (später Spartakusbund) und im April 1917 der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD).
 
7. Sowohl in der Rätebewegung (ab Dezember 1918) wie bei den Wahlen zur Nationalversammlung (Januar 1919) und zum 1. Reichstag (Juni 1920) zeigt sich, dass es für die konsequente Abkehr von der herrschenden ökonomischen und politischen inneren Ordnung (Kapitalismus und bürgerliche Demokratie) und der nationalistischen Außenpolitik auch in der Arbeiterbewegung keine Mehrheit gibt.
 
8. Die alten Eliten in Wirtschaft und Politik bleiben an der Macht und die in der Weimarer Reichsverfassung enthaltenen Bestimmungen zur Demokratisierung der Wirtschaft erweisen sich in der politischen Praxis als folgenlos, so dass der Staat schließlich angesichts des Ausbruchs der Weltwirtschaftskrise 1929 keine wirksamen Instrumente zu einer demokratischen Form der Krisenbewältigung zur Verfügung hat.
 
9. Die Spaltung der Arbeiterbewegung infolge ihrer Haltung zum 1. Weltkrieg wird durch die Beteiligung der SPD an der Entscheidung für die Niederschlagung der Rätebewegung durch Reichswehr und Freikorps (Ebert-Groener-Pakt) weiter vertieft, so dass ein gemeinsamer Widerstand gegen den aufkommenden Faschismus und gegen die Wiederaufnahme der Kriegsziele des 1. Weltkriegs im 2. Weltkrieg unmöglich wird.
 
10. Die deutsche Geschichte zwischen 1871 und 1945 zeigt zunächst, welche Risiken mit einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung – nicht nur in Verbindung mit einem monarchisch-autokratischen, sondern auch mit einem republikanischdemokratischen Staat – aufgrund der Macht- und Eigentumsverhältnisse sowie der internationalen Konkurrenzbeziehungen einhergehen.  
 
11. Die deutsche Geschichte zwischen 1871 und 1945 zeigt auch, wie sehr sich Menschen – auch sozialistisch gesinnte Arbeiter – durch die subjektive Erfahrung ökonomischer und politischer Erfolge in Bezug auf die zugrunde liegenden Strukturen und Imperative täuschen lassen - vielleicht aber auch, dass die Zeit objektiv noch nicht reif war für die Überwindung einer Wirtschaftsordnung, die für privilegierte Teile des weltweiten Proletariats auch in naher Zukunft – nicht unbedingt in ferner! –  noch einiges zu bieten hat („Arbeiteraristokratie“).
 
12. „Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoße der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“ (Marx 1859)   

 

 

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