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Demokratische Problemlösefähigkeiten und Kooperation in der Schulklasse einüben


Für die meisten Jugendlichen ist die Schule der Bereich, der neben dem Elternhaus ihr Leben bestimmt. Hier sollen sie lernen, eigenständig zu denken, für die eigene Meinung einzutreten und sich zu behaupten sowie mit anderen zurechtzukommen, zuzuhören, auf andere zuzugehen oder sich zurückzunehmen für ein gemeinsames Ziel. Probleme, die das Zusammenleben in der Klasse betreffen, sind für die Jugendlichen höchst bedeutsam und sie sind in der Regel bereit, bei der Lösung von Problemen zu kooperieren, wenn sie bei einer Entscheidung mitgewirkt haben - selbst wenn die Lösungen die gleichen sind, die der Lehrer oder die Lehrerin zuvor viele Male ergebnislos vorgeschlagen haben.

Eine Schulklasse kann ein fast unerschöpfliches Reservoir an originellen Ideen zur Lösung von zwischenmenschlichen Problemen darstellen, wenn man den Kindern bzw. Jugendlichen erlaubt und sie ermutigt, ihre Vorschläge zum Ausdruck zu bringen. Gerade Schülerinnen und Schüler, die etwas am Rande stehen, haben hier eine Chance, wertvolle Beiträge für die Gemeinschaft beizusteuern. Als Beratungslehrer werde ich häufig um Rat gefragt, wenn Störungen im Unterricht, Prügeleien in den Pausen und Sachbeschädigungen mit dem üblichen Methoden - Strafarbeiten, Verweis, Schulausschluss - nicht beizukommen ist. Gemeinsam mit den jeweiligen Klassenlehrern und -lehrerinnen überlegen wir, welche andere Maßnahmen dazu führen könnten, dass die Kinder und Jugendlichen verantwortungsbewusster und selbstständiger ihre Angelegenheiten regeln könnten. Dazu gehört auch das Modell des 'Klassenrates'. Das Konzept einer 'Klassenkonferenz' stammt ursprünglich von Freinet, Dreikurs hat es in Deutschland bekannt gemacht. Es schien mir ein guter Ausgangspunkt für eine Einrichtung zu sein, die dazu beitragen soll, soziales Verhalten, Verantwortungsbewusstsein, Problemlösefähigkeiten und Gemeinschaftsgefühl einzuüben.

Der Ablauf eines Klassenrates ist klar strukturiert. Sobald der Ablauf eingeübt ist, fühlen sich die Schülerinnen und Schüler sicher genug um auch 'schwierige' Themen zu besprechen. Mit der Zeit wächst in der Klasse eine Kultur des Umgangs miteinander. Da der 'Präsident' reihum von allen wahrgenommen wird, werden die Schülerinnen und Schüler mit der Zeit immer sicherer in der Gesprächsleitung. Es ist spannend zu sehen, was sich da im Laufe eines Schuljahres entwickeln kann! Der spielerische, experimentelle Umgang mit Regelungen, die nicht stundenlang diskutiert werden, sondern bis zum nächsten Klassenrat ausprobiert werden, hat bisher allen, Erwachsenen wie Jugendlichen, gut getan und 'Farbe' in den Alltag gebracht.


Gebrauchsanweisung für den Klassenrat

Hauptanliegen des Klassenrats
Einander helfen   in Situationen, in denen man als einzelner nicht weiterkommt.
Dies gilt auch für den Lehrer oder die Lehrerin.
Probleme lösen,   bei denen es auf die Zusammenarbeit aller Beteiligten ankommt.

Rahmenbedingungen





Eine Tagesordnung kommt zustande, indem im Klassenzimmer eine Liste ausgehängt wird. Wer ein Problem im Klassenrat besprechen möchte, schreibt das stichwortartig auf einen Zettel und hängt ihn unter die Überschrift
mir gefällt - mir gefällt nicht - ich schlage vor
Natürlich können auch Lehrer, die in der Klasse unterrichten, einen Zettel aufhängen. Es muss immer erkenntlich sein, von wem der Zettel stammt.


Während des Klassenrats müssen sich alle sehen können. Die übliche Sitzordnung ist deshalb ungeeignet und es wird ein Sitzkreis gebildet. Das Umstellen lässt sich in weniger als zwei Minuten bewerkstelligen, wenn die Klasse darin geübt ist.




Es gibt zwei 'Ämter', die von Freiwilligen besetzt werden: Der Präsident sorgt für die Einhaltung der Regeln und ruft die Tagesordnungspunkte auf, das Protokollführer schreibt getroffene Vereinbarungen auf. Bei mir macht der Präsident beim nächsten Mal den Protokollführer. Das Protokoll wird am Anfang des nächsten Klassenrates vorgelesen und kommt dann ins Klassenbuch.

Regeln
Keiner bringt einen Gegenstand mit in den Kreis.
Alle sechs Beine müssen auf dem Boden bleiben (zwei Menschen- und vier Stuhlbeine).



Nur jeweils einer darf sprechen. Manche Lehrerinnen und Lehrer führen eine 'Sprechkugel' ein, die an den/die weitergegeben wird, der/die gerade das Wort hat.
Zusätzliche Handzeichen (z. B. 'gekreuzt' für Widerspruch, 'Handfläche nach vorne' für Nachfrage etc.) können helfen, schnell ein Meinungsbild zu erstellen.

Verlauf










Anerkennungsrunde:
Für die Meisten ist es ganz ungewohnt, Anerkennung auszudrücken. Als Lehrerin oder Lehrer können Sie im Vorfeld Beispiele sammeln, die sich auf konkretes Verhalten beziehen statt z. B. auf Kleidung oder allgemeine Aussagen. Besprechen Sie miteinander, wie gegenseitige Anerkennung dazu helfen kann, eine positive Atmosphäre von gegenseitiger Unterstützung zu schaffen.
Führen Sie eine Formel ein, mit der jedes Kind seine Anerkennung beginnt:
'Ich möchte ... (Name) meine Anerkennung dafür ausdrücken, dass sie (oder er) ... (etwas Bestimmtes) getan hat.'
Sobald die anfängliche Unsicherheit überwunden ist, freuen sich die Kinder auf die Anerkennungsrunde.
Tagesordnung abarbeiten, in der Reihenfolge der Punkte.
Den 'Angeklagten' nach einem Lösungsvorschlag fragen.
Falls dieser einen Vorschlag anbietet: Klasse abstimmen lassen.


Ist dies nicht der Fall oder es kommt keine Mehrheit zustande: zweimal im Kreis herumfragen nach Vorschlägen und Kommentaren. Bei dem/der beginnen, der/die den Punkt auf die Tagesordnung gesetzt hat; nach der zweiten Runde direkt vor ihm/ihr enden.






Alternativ 'Kugellager' durchführen: Zwei konzentrische Kreise werden gebildet, in denen jeweils Paare einander gegenüber sitzen. Das Kugellager dreht sich, indem sich der Außenkreis um sechs Plätze im Uhrzeigersinn weiterbewegt. Die Paare sammeln drei Minuten lang Lösungsvorschläge. Danach bewegt sich in einer zweiten Runde der Innenkreis um zwei Plätze entgegen dem Uhrzeigersinn. Drei Minuten Zeit zur Diskussion von Lösungsvorschlägen. Anschließend bilden je zwei Paare Vierergruppen und tragen die gefundenen Lösungen zusammen (drei Minuten). Danach tragen die Quartette ihre Ergebnisse im Plenum vor.
Vorschläge wortgetreu an die Tafel schreiben.
Vorschläge laut vorlesen, dann jeden Vorschlag einzeln zur Abstimmung stellen. Zahl der Stimmen daneben schreiben.
Denjenigen/derjenigen, für den/die die Lösung gesucht wird, fragen, wann er/sie es tun möchte, dabei zwei Möglichkeiten zur Wahl lassen.
Regelungen haben immer vorläufigen Charakter. Wenn sie sich bewähren, gelten sie weiterhin, falls nicht, werden sie verändert oder verworfen.

Richtlinien für Lösungsvorschläge
Ein Lösungsvorschlag muss mit dem Problem sinnvoll verknüpft sein, indem er z. B. den Gesichtspunkt der Wiedergutmachung oder der Behebung eines entstandenen Schadens beinhaltet.
Er muss respektvoll sein und darf nicht einzelne oder mehrere erniedrigen, demütigen oder dem Gespött überlassen.
Er muss angemessen sein, d. h. er muss dem entstandenen Schaden entsprechen und nicht darüber hinausgehende Arbeit verlangen.

Zur Rolle des Lehrers und der Lehrerin
Bis sich der Klassenrat eingespielt hat, sind Sie für die Einhaltung der Regeln zuständig. Durch geeignete Fragen verhelfen Sie zur Klärung in zweierlei Hinsicht:
Fragen Sie nach, wenn es einem Jungen oder Mädchen nicht gelungen ist, seine Meinung klar genug auszudrücken.


Sorgen Sie von Zeit zu Zeit dafür, dass die erzielten Ergebnisse deutlich gemacht und festgehalten werden: Wovon sind wir ausgegangen? Was hat sich bisher dazu ergeben? Was bleibt weiterhin zu fragen?
Zwei Prinzipien, um den Klassenrat nicht zum Scheitern zu bringen:




Der Klassenrat darf nicht als weitere Plattform für Belehrungen und Moralpredigten benutzt werden. Es ist wichtig, so objektiv und vorurteilsfrei zu sein wie möglich. Das soll nicht heißen, dass Sie keinen Beitrag leisten dürfen. Sie können Ihrerseits ebenfalls Themen auf die Tagesordnung setzen, Ihre Meinung sagen und mit abstimmen.


Der Klassenrat darf nicht als Tarnung für zusätzliche übermäßige Kontrolle missbraucht werden. Kinder durchschauen solche Tricks und verweigern die Kooperation.


Anleitung für den Präsident beim 'Klassenrat'
Achte auf den Ablauf!
Rufe die Wortmeldungen in der Reihenfolge auf!

Zum Ablauf des 'Klassenrats'
 
  1. Beginne mit der Anerkennungsrunde. Jede Anerkennung beginnt: 'Ich möchte ... (Name) meine Anerkennung dafür ausdrücken, dass sie (oder er) ... (etwas Bestimmtes) getan hat.'
    Wahrscheinlich musst du daran erinnern!

    Was habt Ihr beobachtet, was Ihr gut oder positiv in Eurer Klasse findet?

  2. Rufe die Tagesordnungspunkte (TOP) in der Reihenfolge, wie sie auf der Liste stehen, auf. Bitte den(die), der(die) den betreffenden TOP auf die Liste gesetzt hat, ihn kurz zu begründen:

    Wer hat Punkt x auf die Tagesordnung gesetzt? Besteht das Problem immer noch? Falls ja: Erkläre, was du damit meinst!
    Wer hat sonst noch etwas dazu zu sagen?


  3. Frage zunächst den oder die 'Verursacher(in)' des Problems:

    Hast du einen Lösungsvorschlag?


    Falls ein Vorschlag kommt, lass' darüber gleich abstimmen! Andernfalls oder falls keine Mehrheit zustande kommt: Lösungsvorschläge sammeln:

    Wir sammeln jetzt Lösungsvorschläge. Es geht rechts von mir los, dann kommen alle der Reihe nach dran.

    (Einer schreibt die Vorschläge an der Tafel an. Falls zu wenig Vorschläge kommen, gibt es unmittelbar danach eine zweite Runde.)
  4. Lass' abstimmen:

    Wer ist für Lösungsvorschlag 1, 2 ...?

    (Der Vorschlag mit den meisten Stimmen wird angenommen. Falls es um Lösungen geht, die eine bestimmte Person betreffen, fragen, wann er oder sie es tun möchte. Zwei Möglichkeiten zur Wahl lassen. Achte darauf, dass der "Sekretär"/die "Sekretärin" die Beschlüsse aufschreiben.)

  5. Beende den "Klassenrat", wenn die Zeit um ist, auch wenn nicht alle Punkte behandelt wurden. Sie werden auf dem nächsten "Klassenrat" behandelt.

    Ich beende jetzt den Klassenrat. Wir haben folgende Beschlüsse gefasst: ...

 
GEW-Oberfranken.