|
GEW
sieht in Coburger Anschlag nur Spitze eines Eisbergs
„Verletzungen
durch Waffen an unseren Schulen -
wie vor kurzem in Coburg geschehen
- bilden nur die
Spitze des Eisbergs aus Gewalt und Verachtung. Die häufigen seelischen
Schäden bei Schülern wie Lehrern sind weniger reizvoll für
Sensationsberichte, aber enorm in ihren Auswirkungen“, erklärte Ernst
Wilhelm, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in
Oberfranken, bei der Delegiertenversammlung der GEW in Gaustadt.
Bei
den Schilderungen der anwesenden Kolleginnen und Kollegen aus Coburg wurde
deutlich, welch unterschiedliche Eindrücke von Mitschülern zu den
blutigen Ereignissen an der dortigen Realschule II existieren. Klar sei
jedoch, dass solche Taten auch durch Überwachungskameras nicht vermieden
werden könnten. Es sei richtig, auf körperliche wie auch verbale
Angriffe mit „Null-Toleranz“ zu reagieren. Andererseits dürfe nicht
nur von den Schülern gemeinschaftsdienliches Verhalten und Leistung
gefordert werden, auch von den Schulen sei etwas zu leisten: Sie sollten
eigentlich einen Lebensraum bieten, wo die Lernsituation v.a. Bestätigung
und Unterstützung ermögliche. „Durch verschiedenwertige Schularten und
die dazu gehörende Auslese mit Noten sind aber außer Belobigung und Erfolg auch Bedrohung und Degradierung
fest im System verankert. Die skandinavischen Länder verzichten dagegen
bis zur 10. Klasse auf jegliche
schulische Selektion und bis zur 6. bzw. 8. Klasse sogar auf Noten. Statt
Auslese und Abschieben praktizieren sie die Förderung des einzelnen
Kindes mit hohem Personaleinsatz. Niemand beschämen und keinen zurücklassen
heißt dort die Devise. In diesen Gemeinschaftsschulen herrscht nicht nur
eine bessere Atmosphäre zwischen Schülern und Lehrern, dort werden
gleichzeitig deutlich bessere Leistungen erzielt“, betonte Oskar Brückner,
stellv. Vorsitzender des GEW-Bezirks aus Bayreuth, der in seinem Referat
aufzeigte, dass unser gegliedertes Schulwesen seine eigenen Ansprüche der
begabungs- und leistungsgerechten Bildung nicht einmal annähernd erfülle.
Aber in dieser Frage verhalte sich unsere Landesregierung wie ein
Trotzkopf, der lieber Nachteile
in Kauf nehme als seinen falschen Weg in Frage zu stellen.
„Bei
der monatelang verzögerten Übernahme des Tarifabschlusses, bei den
Einschränkungen von Beihilfeleistungen, bei den Streichungen von Urlaubs-
und Weihnachtsgeld, bei den rigiden Kürzungen des Ruhegehalts zeigt unser
Arbeitgeber, was ihm unsere Anstrengungen wert sind“, meinte Heinz Jung,
weiterer stellvertretender Vorsitzender der GEW Oberfranken. Angeblich
seien die Staatskassen leer, doch erstaunlicherweise sei viel Geld da,
wenn es um milliardenschwere Projekte wie den Atomreaktor von Garching
geht. Die Beschäftigten brächten für Einsparungen und Sozialkürzungen
kein Verständnis auf, wenn gleichzeitig höhere Militärausgaben
eingeplant würden.
Beim
Problem fehlender Ausbildungsplätze kommt die Landesregierung nach
Auffassung der GEW sogar mit höchsten Gesetzen in Konflikt. Wilhelm
zitierte Artikel 128 der bayerischen Verfassung: „Jeder Bewohner Bayerns
hat Anspruch darauf, eine seinen erkennbaren Fähigkeiten und seiner
innerer Berufung entsprechende Ausbildung zu erhalten.“ Dieser Satz
werde von der bayr. Regierung offensichtlich verdrängt. Wie sonst wäre
es zu erklären, dass erschreckend viele Schulabgänger keinen
Ausbildungsplatz fänden, fragte Günther Mitteregger, Diplomsozialpädagoge
im GEW-Vorstand. Betriebe ohne Bereitschaft zur Ausbildung müssten mit
einer Abgabe Gelder bereitstellen, die ausbildungswilligen Unternehmen als
Zuschuss angeboten werde, bis alle Ausbildung Suchenden vermittelt seien.
Allein mit Appellen und Zuschüssen für Fahrt- oder Umzugskosten könne
dieser Verfassungsauftrag nicht erfüllt werden, so Mitteregger.
|