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„Welche
Schule ist die richtige für Ihr Kind?“ Das
ist der Titel einer „Entscheidungshilfe für Eltern von Grundschulkindern“,
herausgegeben von der KED, der Katholischen Elternschaft Deutschlands,
Landesverband Bayern, Diözesanverband Bamberg. Die
(ungenannten) Autoren orientieren sich an der Terminologie des bayerischen
Kultusministeriums und kommen dann zu „Definitionen“ folgender Art: Die
Hauptschule erfordere „eher
praktisch begabte Kinder“, der M-Zug der Hauptschule „praktisch
und theoretisch begabte Kinder mit guten Noten“,
die Realschule
„eher
theoretisch begabte Kinder“ und das Gymnasium „theoretisch
begabte Kinder, lernwillig und leistungsbereit“. Meine
Fragen dazu: -
Der Praxisanteil im
Lehrplan der Hauptschule liegt nicht viel höher als der in der Realschule.
Warum sollen dann „praktisch Begabte“ die Hauptschule und „eher
theoretisch Begabte“ die Realschule besuchen? -
Müssen nur
Gymnasiasten „lernwillig und leistungsbereit“ sein? -
Gibt es in der „Rest“-Hauptschule
nur noch schlechte Noten, wenn die Hauptschüler „mit guten Noten“ den M-Zug
der Hauptschule besuchen? -
Wie kann es
jahrzehntelang passieren, dass nur etwa die Hälfte der Gymnasiasten das Abitur
erreichen, wo sie doch alle nach der Grundschule als „geeignet“ eingestuft
waren oder dieses Prädikat über eine Aufnahmeprüfung erhielten? „...Sie
stehen vor der Entscheidung, welche weiterführende Schule Ihr Kind demnächst
besuchen soll.“ „Von
Ihnen und Ihrer Wahl wird es abhängen, ob sich Ihr Kind in der neuen Schule
wohlfühlt, ob die Schulform seinen Begabungen, seinen Fähigkeiten und seiner
Persönlichkeitsstruktur.entspricht.“ heißt
es im Vorwort der Handreichung. Die Eltern tragen also die Schuld, wenn sich ein
Kind in der Schule nicht wohlfühlt. (Kein Wort von Mobbing- und
Gewaltstrukturen, kein Wort von wirklich nicht schülergerechten
Unterrichtsmethoden, kein Wort von einfallsloser Architektur und Einrichtung der
Schulen.) Da
steht die Drohung: Wähle keine Schulart, die von deinem Kind mehr verlangt als
es schaffen kann, sonst machst du dein Kind unglücklich. Das klingt ja vernünftig.
Was jedoch heißt das bei prinzipiell drei angebotenen Schularten nach der
Grundschule? Das bedeutet doch nichts anderes, als dass die KED (wie auch das
bayerischen Kultusministerium) davon ausgeht, dass man für die immens
unterschiedlichen Schülertypen der Klassen 1 bis 4 nur eine einzige Schulform
braucht, dass sich die Schüler jedoch ab Klasse 5 in drei Grundtypen
aufspalten, die man den drei Grundtypen von Schularten zuweisen muss. Hat man
die richtige Wahl getroffen, fühlt sich der Schüler wohl: „Mein
Kind ist erfolgreich, wenn es entsprechend der persönlichen Fähigkeiten dir
richtige Schulform besucht, wenn es nicht überfordert, aber auch nicht
unterfordert wird.“ Wie
soll denn das gehen bei den paar angebotenen Schularten? Ist es so schwer zu
verstehen, dass diese für einen Großteil der Schüler gar nicht passen können,
solange dort an die Schüler jeweils der gleiche Maßstab angelegt wird? Manche
Schüler müssten je nach Fach oder Lernziel stündlich die Schulart wechseln,
um optimal gefördert zu werden? Wahrscheinlich gibt es mehr Schüler, die nicht
eindeutig einer Schulart „zuzuweisen“ sind, als solche, für die eine
Schulart tatsächlich „passt“? Viele
Eltern in Bayern kennen kein anderes System als das hier existierende. Aber wenn
Autoren einer solchen Handreichung keinen Schimmer des Zweifels über unser
schulisches Kastenwesen in Bayern durchscheinen lassen, dann müssen ihre
Scheuklappen riesengroß sein. Sehen sie nicht, dass sich verschiedene Schülerpersönlichkeiten
eben nicht mithilfe möglichst vieler verschiedener Schularten fördern lassen,
sondern gerade durch das „Gegenteil“, nämlich durch eine einzige Schule (am
Ort), die jedoch nicht von allen Schülern zur gleichen Zeit die gleiche
Leistung verlangt, sondern jedem einzelnen Schüler die Möglichkeit gibt, in
seinem eigenen Lerntempo das Optimale zu erreichen? Dafür
allerdings müsste man Abschied nehmen von einigen Eckpfeilern bayerischer
Bildungspolitik, z.B. der einheitlichen Notengebung. Wir „verlören“ damit
nicht nur einen entscheidenden Hemmschuh für Enttäuschungen und Verzweiflungen
von Schülern, wir hätten ohne Ziffernoten endlich das Tor offen für den Weg
zum echten Lernen mit dem Ziel, stolz sein zu können auf den eigenen
Fortschritt, statt wie bisher stolz zu sein auf eine „gute Note“ und sich
abgewertet zu sehen durch eine „schlechte“. Wir
müssten dann konsequenterweise auch Abschied nehmen von der Lehrerausbildung
nach Schularten, die für Lehrer das gleiche Kastenwesen erzeugt wie für Schüler.
Fein säuberlich getrennt sammeln sich diese Lehrer bisher in den entsprechenden
Verbänden, lediglich die GEW bietet eine Organisation für alle Bildungsberufe
und stellt sich damit gegen die Entwicklung von Standesdünkeln. Im
„Teil
2: Entscheidungshilfen“ der „Handreichung“ können die Eltern durch
Ankreuzen von Fähigkeiten und Verhaltensweisen ihrer Kinder Hinweise bekommen,
welche Schulart gewählt werden sollte. Während unter dem Begriff
„Allgemeines Lernverhalten“ noch halbwegs nachvollziehbare Kriterien genannt
werden, wird es im Abschnitt „Gesundheitliche Verfassung“ doch etwas mysteriös:
„Zeigt
das Kind auffällige Reaktionen in Belastungssituationen? (z.B. Erbrechen,
Unwohlsein, Darmtätigkeit)
heiß dort die erst Frage. Antworten die Eltern mit Ja, dann ist das laut Erläuterungen
der „Handreichung“ ein Hinweis auf Eignung für eine Schulform mit
höheren Anforderungen an die intellektuelle Leistungsfähigkeit! Das
gleiche gilt für Kinder, die
nach schlechten Leistungen niedergeschlagen, aufsässig oder regressiv reagieren
oder die anfällig sind für Krankheiten. Auch ob sich das Kind „gegen
größere Schüler im Bus, in der Straßenbahn einigermaßen behaupten“
kann, sollte laut KED vor der Entscheidung für eine eher intellekuelle Schulart
mit ja beantwortet werden. Deutet letzteres nicht eher auf sehr „praktische“
Begabung hin? Liebe
Eltern, bevor Sie diese „Handreichung“ zu Rate ziehen, legen Sie ihre
eigenen Erwartungen beiseite, sprechen Sie in Ruhe mit Ihrem Kind und verlassen
Sie sich bei der Schulwahlentscheidung auf Ihren gesunden Menschenverstand.
Stellt sich heraus, dass Sie „zu hoch gegriffen“ haben, unterstützen Sie
Ihr Kind beim nötigen Schulwechsel und vergessen Sie nicht: Bei einem zerstückelten
Schulsystem gibt es „die richtige Schule“ für viele Schüler gar nicht und
„falsche Entscheidungen“ sind damit vorprogrammiert. Es gibt eine Schulform,
an der solche Schulwahlunfälle ausgeschlossen sind. Diese Schule für alle
Kinder kann ganz unterschiedliche Namen tragen, von der Organisation her ist es
die Gesamtschule und diese ist in der Mehrzahl der europäischen Länder eine
Selbstverständlichkeit. Für die bayerische Regierung jedoch ist diese
Gesamtschule der Inbegriff aller bildungspolitischen Sünden und so werden sich
die bayerischen Schüler, Lehrer, Eltern und Kommunen weiterhin mit den Folgen
der hiesigen zerstückelten Bildungslandschaft herumquälen müssen.
Handreichungen wie die der KED helfen da keinen Schritt weiter. |
GEW-Oberfranken.
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